Die Geschichte

…in der wir hauptsächlich essen. Sehr. Viel. Essen.

Gottogott, wo fange ich an?

Taipeh ist riesig und viel und schön und zwar nicht so ein krasser Kulturschock, wie ich erwartet hatte, aber trotzdem erst mal anders. Wir kommen sehr übermüdet morgens an und werden von meinem Bruder Aram und seiner Freundin Dora abgeholt. Dora kommt aus einem kleinen Städtchen in der Nähe von Taipeh, Aram hat selber eine ganze Zeit in Taiwan verbracht. Beide sind gerade auf Familienbesuch hier und verbringen zum Glück freiwillig ganz viel Zeit mit uns. Dadurch bekommen wir vermutlich den besten Einblick in das Leben der Stadt, den man sich wünschen kann. Es ist viel und neu und ich werde beim besten Willen nicht alles hier unterbringen. Deswegen „beschränke“ ich mich auf ein paar kleine Pralinen unserer folgenden Woche.

Ich habe uns vor ein paar Tagen bereits ein Hostel klargemacht. Ich hatte schnell den Eindruck, dass wir uns zwischen teuer oder hässlich würden entscheiden müssen. Letztendlich fiel unsere Wahl auf „hässlich“, wir haben sowieso vor, den Tag überwiegend in der Stadt zu verbringen. Trotzdem doomscrolle ich mich nach der Buchung durch die Google-Rezensionen und wir bekommen beide ein bisschen Angst vor dem gebuchten Zimmer.

Aber tatsächlich ist es deutlich weniger schlimm als erwartet. Es ist zwar ein fensterloses Loch im 8. Stock mit schwarz gestrichenen Wänden (?), das kaum größer ist als ein Schuhkarton. Zeit hat hier drin keine Bedeutung – als ich mich in den nächsten Tagen morgens mal zum Arbeiten in ein angrenzendes Café setze und gegen Mittag zurückkomme, liegt Beni unverändert wie eine Mumie im Bett und hat sich keinen Millimeter gerührt; kurz habe ich Angst, dass er gestorben ist. Aber immerhin schlafen wir im Stockbett oben auf einer großen, gemütlichen Doppelmatratze. Unsere Zimmergenossen sind zwei gehörlose Russen aus Moskau, die uns Durian-Bonbons anbieten, die fürchterlich nach Furz schmecken. Benis Gesicht wechselt innerhalb von Sekunden mehrfach die Farbe, ich behalte meine Mimik zum Glück im Griff und verklappe das scheußliche Ding klammheimlich in irgendeiner Tasche, als gerade mal niemand hinsieht.

An die allgegenwärtige Klimaanlage werden wir uns gewöhnen müssen, da gibt es beim besten Willen kein Entkommen. Aber so machen wir in den nächsten Wochen wenigstens eine umfassende Grundimmunisierung durch, das ist fürs Reisen ja nie verkehrt.


Die nächsten Tage wandern wir die Stadt in all ihren Facetten ab. Aram und Dora zeigen uns alle Plätze, die sie für zeigenswert halten. Es wird eine bunte Mischung aus Kultur, Geschichte, Sightseeing und stundenlangen Spaziergängen durch die Straßen. Überraschenderweise ist es erst mal kein zu großer Kulturschock, obwohl die Architektur sehr anders ist. Gleichzeitig ist es für mich völlig neu. Es ist schwer zu beschreiben. Alles ist größer, voller und höher als ich es kenne, es ist grau oder gläsern durch die Hochhäuser, und gleichzeitig bunt durch all die Schilder. Wir laufen durch schmale Straßenschluchten, kleine Seitengassen, über breite Hauptstraßen und an einem breiten Fluss entlang mit sehr fahrradtauglicher Uferpromenade.
Hier stellen wir fest: die Taiwanesen stehen offenbar auf Karaoke. Immer, zu jeder Zeit und echt überall. Regelmäßig kommen wir an kleinen Bühnen, Cafés oder Plätzen vorbei, auf denen jemand sitzt und mehr oder weniger sauber chinesisches Liedgut trällert. Häufig auch komplett alleine, was aber irgendwie allen egal zu sein scheint.

Die nationale Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle und ihr Paradeplatz sind besonders beeindruckend, und mir wird mal wieder klar, was für eine mühsame Geschichte dieses junge Land hat – nicht nur der Kampf um eine Unabhängigkeit von China und die ständig anwesende Sorge vor einer Eroberung, sondern auch die Kontroverse um Chiang Kai-shek, der als „Landesvater“ und langjähriger Diktator zwar lange verehrt, in den letzten Jahrzehnten aber aufgrund seiner teils menschenverachtenden und grausamen politischen Entscheidungen auch immer kritischer gesehen wird. In manchen Teilen der Stadt findet man immer noch die Spuren der japanischen Kolonialisierung, wir spazieren durch ein paar kleine Viertel mit den typischen flachen Häusern in der sehr eleganten minimalistischen japanischen Bauweise. Diese Viertel wirken wie ein kleines, eigenes Universum und die flachen niedlichen Modellhäuser stehen in ihrer Zen-Idylle im krassen Kontrast zu der summenden Großstadt drum herum.

Ungewohnt anders sind zum einen die unzähligen Schilder auf Mandarin in allen Farben, Formen und Beleuchtungsstufen, die sich an den Häuserfronten hochziehen. Und dann zum anderen die schiere Masse an Rollern in der Stadt. Es gibt in Taipeh eigene Fahrspuren und Tunnel, die ausschließlich den Rollern vorbehalten sind und das ist auch nötig, denn es sind wirklich, wirklich, WIRKLICH viele! So viele, dass es in der Stadt sogar eine sehr spezielle Attraktion gibt: den sogenannten „Scooter Waterfall“. Den will ich unbedingt sehen und zerre Beni zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett.

Der ist zu Beginn wirklich äußerst verständnislos, warum er ohne Kaffee, Klogang und anständiges Frühstück morgens um sieben mit uns an irgendeiner blöden Abfahrt vor einer Brücke rumstehen muss. Aber als hunderte Roller röhrend und wie ein schwarzer Ölteppich in einem dicht gedrängten Schwung von der Brücke in den tiefergelegten Straßenverkehr schwappen, ist er wie die unzähligen anderen Schaulustigen am Straßenrand Feuer und Flamme. Es ist schon wirklich ein ganz besonderes Spektakel.

Überhaupt herrscht viel Verkehr in Taipeh, wenn auch halbwegs gesittet und höflich. Die ganze Stadt wuselt und brummt. Es hat die Geschäftigkeit von einem freundlichen, gut gelaunten Ameisenhaufen und wir sind gerne bereit, uns darauf einzulassen.


Aram und Dora überreichen uns zur Begrüßung zwei kreditkartengroße Fahrausweise. Im folgenden Monat vergeht kein Tag, an dem wir die beiden nicht für dieses kluge Geschenk lobpreisen, denn diese Karte macht die gesamte Reise durch das Land zu einem Genuss. Sie gilt mehr oder weniger in ganz Taiwan für alles; jeden Bus, jede U-Bahn, jeden Nahverkehrszug. Als wir das landesweite Leihfahrradsystem entdecken, ist es endgültig um uns geschehen. Überall in Taiwan sind die Leihstationen verteilt, die Nutzung der Räder kostet über mehrere Stunden im schlimmsten Fall mal zwei Euro. Die Karte lässt sich an zahlreichen Stellen in den Städten aufladen und funktioniert in manchen Geschäften sogar wie eine EC-Karte. Was für ein geiles System! Um Tickets müssen wir uns nur noch aktiv bemühen, wenn wir mal den Schnellzug nehmen wollen, für den Rest der Zeit scannen wir uns irgendwo ein und woanders wieder aus und haben keine Sekunde Stress.

Für Taipeh sind die Leihräder ein Segen. Unser erster Versuch, mit der U-Bahn zu fahren, resultiert nämlich gleich mal in einem langwierigen Verirrungsprozess.

Der Hauptbahnhof von Taipeh ist so riesig wie die Stadt selber und besteht aus zwei Gebäuden, diese wiederum aus mehreren Stockwerken, die wieder aus mehreren Geschäften und Bahnsteigen und ach, es ist ganz furchtbar. Auf unserer Suche nach dem richtigen Gleis verlaufen wir uns ganz erbärmlich, weil wir sehr hoffnungsvoll irgendeiner Dame hinterhertrotteln und plötzlich in einem düsteren Gang vor einem ominösen Aufzug zu irgendeinem Institut stehen. Von einem einzelnen Plakat lächelt uns geheimnisvoll eine fernöstliche Schönheit entgegen. Das ist jedenfalls nicht die U-Bahn.

Bis wir die dann schließlich gefunden haben, müssen wir noch mindestens dreimal zur Orientierung an die Oberfläche zurückkehren, durch mehrere Tunnel irren, drei Geister unserer Vorfahren beschwören, unser Erstgeborenes opfern und fünfmal auf einem Bein das Ave Maria beten.

Ab da bleiben wir lieber an der Oberfläche und fahren Fahrrad. An den Verkehr in Taipeh haben wir uns schnell gewöhnt. Er ist etwas gnadenloser als in Deutschland, aber man kann ihn überleben. Und es macht unglaublich viel Spaß, die Stadt auf die Art zu erkunden und die kleinen Besonderheiten zu entdecken.

Einer meiner Favoriten: die Tempel.


Die Religion ist hier allgegenwärtig. Welche es ist, kann allerdings nicht mal Dora so richtig beantworten. Dafür ist die Vermischung der einzelnen Glaubensrichtungen wie Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus, Schamanismus, Volksglauben und so weiter einfach viel zu groß und zu individuell. Jeder praktiziert am Ende, wie er es für richtig hält; überhaupt werden Glaubens- und Religionsfreiheit in Taiwan so hoch gehalten wie in kaum einem anderen Land auf der Erde.

Die Tempel sind wirklich überall. Es gibt zahlreiche, die sofort auffallen, weil sie groß und prachtvoll mitten zwischen den Häusern stehen und farbenfroh alles überstrahlen. Noch zahlreicher sind aber die, die erst mal überhaupt nicht auffallen. Man läuft nichts ahnend eine Straße entlang und entdeckt plötzlich in einem Hinterhof, eingequetscht zwischen zwei Häusern in einer alten Garage oder einem Schuppen einen kleinen, liebevoll gepflegten Schrein, mit Figürchen, Blümchen und Räucherstäbchen. Davor sitzt ein hutzeliges Männlein oder Weiblein und verkauft symbolische Opfergaben. Diese Tempelchen sind wirklich überall, mal mehr, mal weniger prachtvoll, aber alle blinzeln uns einladend und freundlich aus ihren Häusernischen entgegen.

In den größeren Tempeln fällt der Unterschied zu Abu Dhabi sofort auf. Die Menschen in Taiwan praktizieren ihre Religion mit der gleichen Ernsthaftigkeit, aber ihr Umgang damit ist vollkommen anders.
Während wir auf dem Weg in die Moschee unzählige Verbotsschilder und eine sehr strenge Kleiderkontrolle passiert haben und in der Moschee selber sofort von einer gestrengen Mitarbeiterin zurechtgewiesen worden waren, weil wir für ein Foto etwas zu nah zusammengerückt waren, latscht in Taipeh einfach alles und jeder irgendwie in die Tempel rein und wieder raus.

Haste Essen dabei? Mahlzeit, lass gleich was für die Götter da. Fotos? Klar, gerne, ist doch schön hier! Klamotten: egal. Vielleicht nicht gerade nackt, aber eine Form von grundlegendem Anstand kann man einem normal erzogenen Menschen ja zutrauen.

An der Rückseite des Innenraums thronen übergroße, prachtvoll bemalte Götterfiguren, auf den Tischchen davor stehen die wildesten Sammlungen von Opfergaben – Packungen mit Keksen, Getränkeflaschen, Schokoriegel, Blumen, eine Tüte Chips (welcher Gott auch immer das ist: das ist meiner!) und so weiter. Überall wird gebetet und mit kleinen zeremoniellen, mondförmigen Holzklötzchen um Weissagungen gebeten.

In der Scheich-Zayid-Moschee haben wir die Augen vor lauter Weiß und Licht kaum aufgekriegt, die gesamte Anlage war riesig und weitläufig und luftig und hat durch ihre monumentale Größe die notwendige Demut förmlich erzwungen. Überall herrschte salbungsvolle Stille und vornehme Zurückhaltung, die Gebetsräume waren heilige, in sich abgeschlossene kleine Enklaven. Die Moschee war erhaben und wunderschön, aber kühl und unnahbar in ihrer ganzen Pracht.

Hier werden wir von dem warmen, dunstigen Duft unzähliger Räucherstäbchen umfangen; der erste Tempel, den wir betreten, nimmt uns schwerfällig und gemütlich in den Arm wie eine dicke Mama. Er ist überladen mit Gold, Rot, Holzschnitzereien und Wandgemälden, die Geräuschkulisse ist eine Mischung aus dem Straßenlärm vor den Toren, dem Klappern der mondförmigen Gebetshölzer und leiser Musik. Jeder steht irgendwo rum, sitzt irgendwo rum, latscht irgendwo rum und alle sind allen und niemandem im Weg. Wer beten will, tut es einfach, ganz in sich selbst versunken, wer nur rumstehen und dumm gucken will, tut das mit der gleichen Hingabe. Draußen laufen Menschen an den geöffneten Tempeltoren vorbei und buckeln dienstfertig im Vorbeigehen als respektvollen Gruß an die Götter. Und von denen existieren echt mehr als genug.

Natürlich gibt es welche für Wohlstand, für Liebe und für Glück, aber es gibt auch besonders-gutes-Prüfungsergebnis-Götter, Prüfungsergebnis-egal-hauptsache-bestanden-Götter, Konzentrationsgötter und so weiter. Es existiert irgendwie nichts, wofür es keinen Gott gibt und ich finde es großartig. Es ist herrlich zwanglos und willkommenheißend, auch wenn Dora mir erklärt, dass es sehr viele Regeln und Vorschriften gibt, wenn man seine Religion dann wirklich ernsthaft praktiziert. Aber als Außenstehende empfinde ich alles erst mal deutlich weniger einschüchternd und beengend.

Vor jedem Tempel gibt es ein kleines, qualmendes Öfchen, in dem die Menschen massenweise symbolisches Papiergeld als Opfergabe verbrennen – eine deutliche Steigerung zu den früheren Zuständen, als von den Leuten noch erwartet wurde, dass sie ihr echtes Geld in den Ofen schmeißen. Das Endergebnis ist irgendwie gleich geblieben, trotzdem tut der Gedanke ein bisschen weniger weh.

Wir merken schnell, dass Aberglaube in Taiwan ein richtiges Thema ist. In vielen Gebäuden gibt es im Aufzug keinen vierten Stock, weil die 4 als Unglückszahl gilt. Die Tempel betritt und verlässt man erstens nach den Regeln des Feng Shui von rechts nach links, aus Respekt vor den Göttern steigt man dabei außerdem über die Schwelle in und aus dem Tempel und tritt nicht darauf.

In manchen Städten gibt es leerstehende Häuser, die als verflucht gelten und deswegen seit Jahren nicht bewohnt werden. Es gibt Brücken, denen nachgesagt wird, dass man sich trennt, wenn man als Paar darüber geht. Mein persönlicher Favorit sind die grünen Chipstüten, die in vielen Geschäften auf, neben oder hinter Kühlschränken, Kaffeemaschinen und anderen Geräten stehen. Der Name der Marke bedeutet übersetzt so viel wie „sei brav“, die Farbe Grün steht für Wachstum, Hoffnung, Vitalität und so weiter. Die Tüten gelten sozusagen als Glücksbringer, damit die ganzen Geräte in den Geschäften „schön brav“ weiter machen, wozu sie da sind. Nachdem Aram mir das erklärt hat, entdecke ich die Tüten überall und bin irgendwie gerührt davon. Das sind Eigenheiten, über die man lachen könnte, ich finde sie ganz wunderbar, ein bisschen verschroben und sehr liebenswert.


Ein zentraler Bestandteil des Taiwanesischen Alltags ist: Essen! Dagegen haben wir natürlich gar nichts. Aram hatte uns schon vorgewarnt, dass man in Taiwan zwangsläufig fett wird; ich hätte das eigentlich gerne vermieden, aber leider sind wir da chancenlos.

Hier haben viele Haushalte überhaupt keine richtige Küche, weil es schlicht und einfach nicht nötig ist. Eigentlich fällt man aus jeder Haustür in irgendein kleines Ständchen, wo man schnell auf die Hand und unglaublich billig alles mögliche bekommt. An jeder Ecke duftet es verlockend, überall drängen sich die Menschen, um sich entweder etwas zum Mittagessen oder ein schnelles, gehaltvolles Frühstück zu holen.

Außerdem sind wir hier im Land, das die Bubble-Teas erfunden hat und das ist sowieso unser Untergang. Ich rede hier nicht von dem fiesen, bunten, chemischen Kram mit den ekligen Badeperlen, die man in vielen Ketten in Deutschland bekommt. Der echte taiwanesische Bubbletea ist gesüßter Schwarz- oder Grüntee mit Milch und, bei Bedarf, gesüßten Kügelchen aus Tapioka oder einer anderen Stärke. Den Zuckergehalt kann man bei der Bestellung selbst bestimmen und am besten trinkt man ihn kalt. Die Perlen sind vielleicht Geschmackssache, aber der Tee als solcher ist wunderbar schlicht, uneitel und unglaublich lecker.
Es hilft auch nicht, dass es erstens alle fünf Meter einen Bubbletea-Laden gibt und dass der Tee zweitens in fast jedem Laden von herausragender Qualität ist. Selbst bei den Läden, die bei den Taiwanesen eher als mies gelten, schmeckt es noch gut. Wir sind verloren. Die höchste Eskalationsstufe im folgenden Monat werden vier Bubbleteas an einem Tag, aber zu Beginn haben wir uns noch im Griff und trinken erst mal nur einen.

Den Abend verbringen wir ab jetzt immer, und ich meine wirklich IMMER, auf den Night Markets. Ganz Taiwan ist ein einziges Streetfood-Festival über ganze Straßenzüge, in denen sich ein Straßenstand neben dem anderen drängt. Frittierte süße Süßkartoffelbällchen, Sushi, Baos (luftige, gefüllte Hefeklöße), Dumplings (asiatische Maultaschen, gefüllt mit Fisch/Fleisch/Gemüse oder mit Suppe, die sind besonders toll), Fleischspieße, Tees, Säfte, frittiertes Fleisch, süßer Tofu-Pudding mit irgendwelchen Toppings, kandierte Pommes, Omelettes mit Kram, Suppen, Hühnerfüße, Innereien, Muscheln, Seafood, Crepes gefüllt mit Sahneeis, Erdnüssen und Koriander und so weiter.

Am zweiten Abend schließen sich auch Wind und Carol an, Freunde von Aram und Dora und zeigen uns ihre ganz besonderen Lieblingsstände und -gerichte. Wir wissen überhaupt nicht, wo wir anfangen und wo wir aufhören sollen. Alles duftet und schmeckt fantastisch und ich würde am liebsten so übermenschlich wie Beni fünf Mal so viel essen, wie ich kann.

Ganz dem Klischee entsprechend halten wir am ersten Abend bereits so viel Plastik in den Händen wie seit Wochen nicht mehr. Alles wird in Styropor verpackt, in Tüten gestopft, in Plastikbecher gefüllt. Passenderweise dazu gibt es keinen einzigen Mülleimer, gefühlt in der ganzen Stadt nicht. Trotzdem ist Taipeh so sauber, wie es nur geht; irgendwas Magisches geht da ab, keine Ahnung, wie die das machen.

Probierchen des Tages:

Stinky Tofu (臭豆腐)

Fermentierter Tofu in eine Brühe, sehr beliebt in Taiwan und auf jedem Night Market zu finden. Der Geruch ist bösartig und ich finde, es schmeckt wie alter Mann unterm Arm. Das essen wir nicht noch mal.


Es ist schwer, die gesamte Stadt und alle Eindrücke der kommenden Tage in einem Kapitel zu beschreiben.
Wir wandern mit Aram und Dora auf den Elephant Mountain im Osten der Stadt und bewundern die Aussicht auf die beeindruckende Skyline.

DAS Teehaus in Jiufen

Wir laufen über die schönsten Night Markets, auf denen es nicht nur Unmengen zu essen, sondern auch Spiel und Spaß in sämtlichen Formen gibt. Wir stolpern mehr aus Versehen in einen großen Festumzug zum Geburtstag eines im Viertel ansässigen Gottes und verbringen den Abend kauend zwischen riesigen wandernden Götterfiguren mit schlenkernden Armen und meterlangen Böllerketten, die die ganze Straße in Lärm und Rauch hüllen. Wir machen einen kleinen Tagesausflug nach Jiufen, einem touristischen, aber unglaublich hübschen kleinen Bergdorf nordöstlich von Taipeh und versuchen uns dort im berühmtesten Teehaus und bei wunderbarer Aussicht mit viel Geplätscher und Spaß höchst schlampig an einer Teezeremonie.

Wir besuchen Doras Heimatstadt Hsinchu und ihre Familie und das alte, traditionelle Haus, in dem sie aufgewachsen ist und lassen uns von ihrem sonnigen Onkel erklären, wie sie früher die alten und riesigen Kochstellen benutzt haben, um das Futter für die Schweine abzukochen (die Schweinepest ist in Taiwan übrigens gerade wieder auf dem Vormarsch, weil das heute niemand mehr macht). Wir spazieren hinter dem Haus alle zusammen durch die Reisfelder und genießen den Sonnenuntergang und sehen dem Wind dabei zu, wie er Wellen in das grasgrüne Meer vor uns schlägt. Hier könnte ich eine Weile bleiben. Ich sehe zum ersten Mal Reisfelder und obwohl es ja irgendwie nur Gras ist, haben sie etwas ungleich beruhigendes und meditatives.

Wir verbringen viel Zeit mit Doras Eltern; Beni hat schwer damit zu kämpfen, dass sie darauf bestehen, uns zu allem einzuladen. Er wehrt sich nach Kräften und scheitert an ihrer hartnäckigen Gastfreundschaft und den kulturellen Unterschieden im Umgang damit. Zwischendurch fühlt er sich schrecklich hilflos, weil er so gerne irgendwas zurückgeben würde und einfach keine Gelegenheit dazu bekommt.


Epilog

Als der Tag unserer Weiterreise schließlich naht, bin ich traurig. Die letzten Tage mit all diesen lieben Menschen waren so intensiv und anregend und abwechslungsreich, dass mir das Herz schwer wird bei dem Gedanken, das alles zurückzulassen. Aber es hilft ja nichts – schließlich sind wir auf Reisen und da muss man sich dann schon irgendwann mal wieder ein bisschen bewegen.

5 Kommentare

Antworte auf den Kommentar von bummelhummel Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert