Irgendwo

Unterwegs…

Geld ist schon was Feines. Besonders, wenn man es hat. Allerdings habe ich schon oft festgestellt, dass Dinge gerne mal immer hässlicher werden, je mehr Geld drinsteckt. Ohne es nach dem kurzen Besuch umfänglich beurteilen zu können, aber: ich habe das Gefühl, genau das trifft auf Abu Dhabi zu.

Wir landen am frühen Morgen und lagern etwas müdegrummelig unsere Rucksäcke bei der Gepäckaufbewahrung ein. Unser Anschlussflug nach Taipei geht erst am Abend, so dass wir den Tag nutzen wollen, um die Stadt ein bisschen zu erkunden. Wann kommt man schon mal in die Arabischen Emirate?

Ich weiß gar nicht, ob ich eigentlich eine Vorstellung von dem Land hatte. Vielleicht hingen mir noch ein paar Bilder von alten Kinderhörspielen wie „Der kleine Muck“ oder „Aladin“ im Hinterkopf, ziemlich sicher jedenfalls war mein unterbewusstes Bild vom Orient im Allgemeinen bisher eher romantisch geprägt. Dass das mit der Realität zumindest in Abu Dhabi nichts zu tun hat, merke ich schon auf der Busfahrt in die Stadt.

Auf einer massiven und überfüllten Autobahn fahren wir an großen, einheitlichen Wohnblöcken vorbei. Sie wirken wie über Nacht aus dem Boden gestampft; massive, dickwandige Gebäude, beinahe makellos, die aussehen wie aufeinandergestapelte Boxen. Gefühlt ist alles strahlend hell. Ich weiß nicht, ob es der Smog ist oder der Sand, der in der Luft hängt, aber über allem liegt ein milchiger Schleier, der die Gebäude am Horizont wie im Nebel verschwinden lässt. Die große Scheich-Zayid-Moschee am Rande der Stadt taucht in der diesigen Luft neben der Autobahn wie eine Fata Morgana auf, sie wirkt in ihrer makellosen Pracht vollkommen surreal.


Die Stadt

Abu Dhabi ist ein Autoparadies in blendendem Weiß. Alles hier ist irgendwie fett. Die Autos, die Werbescreens, die sich über fünfzehn Stockwerke und die gesamte Breite eines Gebäudes ziehen, die sechsspurigen Straßen, die Hochhäuser, die Hotels.
Nichts ist dem Zufall überlassen, alles ist in Formen und einen Rahmen gepresst; jeder sternenförmige Grasfleck ist eingezäunt und fein säuberlich wie mit der Nagelfeile herunterrasiert. Die schmalen Parks zwischen den breiten Hauptstraßen sind makellos, die Bäume sind zu Würfeln geschnitten, selbst unter den Autobahnbrücken sind Steine zu kleinen, adretten Häufchen arrangiert und verkümmerte Rasenflächen in schwungvolle Kurven gedrückt.
Sogar die öffentlichen Toiletten wirken wie verlassene, in der Wüste gestrandete Raumschiffe und sind makellos sauber. Das wiederum finde ich ganz nett. Man setzt sich als Frau ja sonst selten freiwillig hin.

Wir schlurfen noch völlig übermüdet von einem Parkplatz zum nächsten; ach, was sage ich, es sind ganze Parkhäfen, die wir auf der Suche nach Kaffee ablaufen. Alleine eine Ampel zu finden, ist eine echte Herausforderung. Mehrfach laufen wir einige hundert Meter, bis es mal eine Möglichkeit gibt, die Straßenseite zu wechseln. Es dauert nicht lange, bis wir anfangen, die Straßen völlig planlos zu überqueren und einfach aufzupassen, dass uns keiner plattfährt.
Wir stolpern in irgendein dubioses Restaurant im ersten Stock mit Frühstücksbuffet und Blick auf einen Parkplatz ungefähr von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns. Wir werden liebevoll umsorgt, der Kellner kichert nervös, als ich (die Frau, mon dieu!) unseren Geldbeutel zücke, um zu bezahlen.
Auf der Suche nach der Küstenpromenade und etwas Natur landen wir im nahegelegenen, äußerst gepflegten Park zwischen einer sechsspurigen Stadtautobahn und einem weiteren Parkplatzuniversum. Alles ist so ordentlich, dass ich mich kaum traue, mich einfach auf die Wiese zu setzen. Darf man hier überhaupt mit Straßenschuhen durchlaufen?


Quasr

Al Hosn


Irgendwie macht das alles nicht den Eindruck, als ob man hier auf Parkbänken oder im Gras döst. Wir überlegen kurz, ob wir „where to find green in Abu Dhabi“ googeln sollen, geben dann aber auf und flüchten uns auf den Platz vor dem ehemaligen Palast Qasr Al Hosn, der ein bisschen Abstand von den dicken Straßen bietet. Wir sind von dem ganzen Beton und dem Verkehrslärm jetzt schon erschöpft. Meine Augen schmerzen von dem blendenden Weiß um uns herum.

Ich sehne mich nach gnädiger Dunkelheit, also lade ich Beni auf einen Museumsbesuch im Palast ein. Wieder Kichern, diesmal von den Ticketverkäuferinnen, als ich den Geldbeutel zücke. Ich sollte wirklich mit dem Bezahlen aufhören.

Ganz offenbar wurde der größte Teil Abu Dhabis innerhalb von 120 Jahren aus dem Boden gestampft, denn bis 1904 stand dort nichts außer dem Palast und einem kleinen Dorf in der Wüste. Das ist beeindruckend, erklärt aber auch, warum meine kleingeistige Klischee-Romantik schon auf der Autobahn in die Innenstadt erbärmlich verreckt ist – die große arabische Geschichten aus 1001 Nacht, die ich mir immer so vorgestellt habe, haben zumindest hier nie stattgefunden.
Von dem Palast sind gefühlt nur noch die Außenmauern übrig, das Innere ist modern saniert und minimalistisch – in einzelnen Räumen sind geschmackvoll und sparsam einige wenige Relikte ausgestellt. Einen wirklichen Eindruck davon, wie es hier vielleicht mal ausgesehen haben könnte, bekommen wir nicht, alles wirkt, als hätte jemand über die alte Geschichte eine gehörige Portion steriles Botox gelegt. Ich habe den Eindruck, man ist schon stolz auf die Geschichte des Landes, aber nutzlose Nostalgie ist hier fehl am Platz – Vergangenes ist vergangen und was zählt, ist das Morgen. Eigentlich finde ich die Einstellung ganz gesund, aber ein bisschen schade ist es trotzdem.


Hotels,

Hotels…

Mann kann es mögen oder nicht, aber die Hotelanlagen (vermutlich in den gesamten Emiraten) sind beeindruckend. Der Begriff „Hotel“ ist eine extreme Untertreibung. Die Anlagen sind eigene kleine Enklaven, vermutlich enthält jedes dieser Gebäude eine eigene kleine Stadt – anders können wir uns nicht vorstellen, dass Menschen hier über Tage absteigen. Das Emirates Palace Mandarin Oriental gilt mit drei Milliarden Dollar Baukosten als drittteuerstes Hotel der Welt und ist eine der absoluten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Wir sehen vollkommen ein, wieso.

Das ganze Ding ist ein Palast, seine schiere Dimension ist atemberaubend. Alleine die Zufahrt ist bestimmt zehn Meter breit und fast einen Kilometer lang. Das Innere erschlägt uns förmlich mit Luxus. Angeblich bestehen die Zimmer hauptsächlich aus Gold und Marmor, aber natürlich können wir dort keinen Blick reinwerfen. Das Foyer reicht aber auch schon. Alles ist überladen, golden, prächtig und überdimensioniert, im Zentrum der Eingangshalle blickt man nach oben über mehrere Stockwerke in eine reich verzierte Kuppel.
Eigentlich haben wir Durst, wollen aber keine Niere für ein Wasser verkaufen. Trinkgeld für den Portier, der uns die Tür des Uber aufhält, gibts irgendwie auch nicht, wir schalten zu spät, dass er das eventuell erwartet haben könnte. Das auch noch. Ich bin inzwischen längst soweit, dass ich Beni zum Zahlen und Nachfragen vorschicke; vermutlich haben wir uns aus Versehen schon an zahlreichen Stellen ganz schrecklich daneben benommen.


Die

Scheich-Zayid

Moschee

Bevor wir zurück zum Flughafen fahren, machen wir noch einen ausgedehnten Stopp an der Scheich-Zayid-Moschee. Sehr geschäftstüchtig befindet sich direkt davor eine riesige, unterirdische Shopping-Mall, in der man neben einer Menge Süßkram auch traditionelle Gewänder in unterschiedlichen Qualitäten kaufen kann. Das müssen wir auch, denn für die Bekleidungsvorschriften in der Moschee sind wir beide, wie so viele Touristen, nicht angemessen ausgestattet.
Der Ticketverkäufer rät uns, für eines dieser Gewänder nicht mehr als 45 Dirham auszugeben (ca. 10€), Beni rät er überhaupt nur zu strumpfähnlichen Unterzieh-Hosenbeinen für 5 Dirham (ca. 1€), um seine Knie zu bedecken.

Dergestalt vorbereitet versauen wir dem nächsten Ladenbesitzer, der mir ein prachtvoll besticktes Gewand für 200 Dirham andrehen will, so richtig den Tag. Nach ein paar Minuten Diskussion überreicht er mir mit gerümpfter Nase ein plastikverschweißtes Päckchen aus dem Regal hinter der Kasse. Unter seinem vorwurfsvollen Blick streife ich mir einen eleganten Sack in Taubengrau über. Ich kann ihn ja verstehen. Ich sehe aus, als wäre ich im Auftrag Saurons unterwegs.

Wir werden durch eine Kontrolle geschleust, bei der peinlich genau darauf geachtet wird, ob alle angemessen gekleidet sind und dann durch einen unterirdischen Tunnel auf den Vorplatz der Moschee geleitet.
Für die Moschee hat sich der Flug gelohnt. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich in einem so prachtvollen Gebäude gestanden. Ich bin sprachlos. 87 Kuppeln in allen Größen, Säulengänge mit kunstvollen Blumenornamenten, ein mit Marmorintarsien geschmückter Innenhof, die Innenräume voller Mosaiken, Gold und funkelnden Kristallen. Das ganze Gebäude ist so blendend weiß, dass mir die Augen tränen und wir müssen uns tatsächlich kurz in eine schattige Ecke zurückziehen, um uns zu erholen. Hier habe ich meine Kinder-Romantik, es gibt sie also doch. So wenig mir Abu Dhabi gefallen hat, so sehr bewundere ich jetzt dieses Bauwerk.

Moschee Nazgul-Style

Epilog

Im Uber zum Flughafen schlafen wir beide ein. Der Jetlag, die kurze Nacht und die auslaugende Stadt geben uns gerade den Rest. Die restlichen Stunden bis zum Abflug vegetieren wir am Flughafen vor uns hin. Für die ökologische Schande drücken wir uns noch Burger bei McDonalds rein und dann verlassen wir den eleganten Flughafen von Abu Dhabi und die tief unter uns in der Nacht glitzernde Stadt Richtung Taipei.

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